Studie: 200 Kommunen im Müllvergleich / Deutschlands Müllhochburgen: 347 kg Hausmüll pro Einwohner in Bremerhaven / nur 86 kg in Konstanz / Studie belegt: Armut verursacht mehr Müll

03.08.2017

+++ Das sind Deutschlands Hausmüllhochburgen: u.a. Bremerhaven, Bottrop, Neumünster, Bamberg, Krefeld, Herne, Oberhausen, Köln, Solingen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamburg, Wiesbaden, Wilhelmshaven, Vorpommern-Rügen (LK), Rosenheim, Duisburg, Rostock, Rhein-Kreis Neuss (LK), Friesland (LK), Potsdam, Remscheid, Leverkusen, Coburg, Kaiserslautern, Recklinghausen (LK), Nürnberg, Vorpommern-Greifswald (LK), Stormarn (LK), Wuppertal, Salzlandkreis, Schweinfurt, Bochum, Dortmund, Mülheim (Ruhr), Märkischer Kreis, Pinneberg (LK), Essen, Hamm, Berlin, Suhl, Magdeburg, Cottbus, Mannheim, Mecklenburgische Seenplatte (LK), Halle (Saale), Ostholstein (LK), Rhein-Pfalz-Kreis, Offenbach (LK), Dithmarschen (LK) +++

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Kürzlich machte eine Mini-Insel im Pazifik weltweit Schlagzeilen. Henderson Island, hieß es, sei weltweit der Ort mit der größten Müll-Ansammlung. 99,8 % der Müllberge bestünden dort aus kaum abbaubaren Kunststoffen. Gigantische 38 Millionen Stück Müll lägen an Stränden und auf der restlichen Insel. Täglich würden 13.000 Teile Müll neu angeschwemmt. Doch benötigt es keinen Blick zum Pazifik, um zu sehen: Die Menschheit hat ein dramatisches Müllproblem. Auch in Deutschland.

In welchen Städten die Deutschen den meisten Müll produzieren und wo am wenigsten, das schaute sich das Preis- und Produktvergleichsportal billiger.de in einer Studie einmal näher an. Dafür wurden 200 deutsche Städte sowie alle 16 Bundesländer für das Jahr 2015 unter die Lupe genommen (aktuellere Daten lagen zum Erhebungszeitpunkt für ganz Deutschland noch nicht vor). Das Studien-Team interessierte:

• Wo sind Deutschlands Müllhochburgen?
• Wo sind Deutschlands Bürger mit Abfall besonders sparsam und umweltschonend, produzieren also wenig nicht recyclebaren Müll?

Fakt ist: Die Deutschen gehören zu den Weltmeistern im Müllproduzieren – nicht nur in Europa, sondern im weltweiten Vergleich. Jede Sekunde werden zwischen Flensburg und Garmisch, Görlitz und Aachen, Saarbrücken und Rügen beispielsweise 89 Einwegbecher für Coffee-to-go oder Softdrinks weggeworfen. Umweltschutz? Kaum einen juckt‘s scheinbar.

Weiteres Beispiel: Jahr für Jahr wandern drei Milliarden Kaffeekapseln in deutsche Mülltonnen. Und das sind nicht nur jene von Nespresso, Dallmayr oder Jacobs. Hinzu kommen Milliarden Plastiktüten mit oder ohne Gebühr, Milchtüten und sonstiger Unrat. Klar: Alles klingt nach Kleinklein. Doch die Masse macht‘s: Jeder Deutsche produziert jährlich bis zu einer halben Tonne Müll – genau genommen gut 455 Kilogramm (kg) Haushaltsabfall.

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Fast die Hälfte des 455 kg Haushaltsabfalls den jeder Deutsche im Jahr produziert, ist mit rund 188kg der Haus- und Sperrmüll. Die andere Hälfte sind recyclebare Wertstoffe wie Glas, Papier, Verpackungen und Bioabfall und Sondermüll. Die schiere Menge zeigt: Mülltrennung lohnt sich der Umwelt zuliebe.

Seit den 1970er Jahren, mit Aufkommen der Grünen, trennen die Deutschen ihren Wohlstandsmüll. Auch deshalb gibt es mittlerweile hier gut 15.000 Entsorgungs- und Behandlungsanlagen, wie das neudeutsch heißt. Darunter sind seit über 100 Jahren u.a. klassische Mülldeponien, später kamen Müllverbrennungsanlagen hinzu, seit gut 30 Jahren auch Kompostierspezial-Firmen und Ähnliches.

Fakt ist aber: Armut bedingt auch ein erhöhtes Müllaufkommen. Die Studienmacher unterzogen hierfür die Daten aus dem Bereich Haus- und Sperrmüll der 200 Kommunen und die Armuts-Quoten der Statistischen Landesämter einer näheren Überprüfung. Mit einem mittleren positiv-linearen Korrelationswert besteht ein Zusammenhang zwischen der Armutsquote und dem Müllaufkommen. Somit haben speziell die sozial schwachen Kommunen nicht nur ein Armuts- , sondern auch meist ein Müllproblem.

So etwa Bremerhaven, Gelsenkirchen oder Berlin. Hier helfen nach Ansicht der Studienmacher keine teuren Werbekampagnen für mehr Mülltrennung.

Hochburgen im Haus- und Sperrmüll

Die Studie kommt zu dem Ergebnis: Deutschlands schlimmste Hausmüllhochburg ist Bremerhaven. Fast 39.600 Tonnen Hausmüll wurden im Jahr 2015 im Rahmen der öffentlich-rechtlichen Abfallentsorgung hier eingesammelt. Das sind statistisch betrachtet sage und schreibe 347 kg Restmüll pro Einwohner. Dies liegt kräftige 76 % über dem Studiendurchschnitt der anderen 199 untersuchten Kommunen (Ø 197 kg).

Doch das ist nicht das Ende der Müllberge in Bremerhaven: Würde man auch den Bio- und Wertstoffabfall in Bremerhaven hinzurechnen, sähe die Rechnung so aus: 70 % für die Restmülltonne, 30 % Bio- und Recycle-Abfall. Das ergibt einen Gesamtmüllberg pro Kopf in Bremerhaven von 498 kg an Haushaltsabfall.

Auf dem zweiten Platz der Müllhochburgen in Deutschland landet die Stadt Bottrop. Jeder Einwohner der Kommune produzierte durchschnittlich 340 kg Restmüll. Das liegt 73 % über dem Städtedurchschnitt. Alleine der Hausmüll von Bottrop, auch als Restmüll bezeichnet, macht in der Stadt an der Grenze zu Essen 53 % vom Gesamtmüllaufkommen aus.

Doch wer glaubt, die regelmäßigen Standpauken von Politikern oder Greenpeace, Müll doch bitte zu vermeiden, würden helfen, irrt in Bottrop. Denn noch vor 13 Jahren, 2004, produzierten die Ruhrpott-Einwohner von Bottrop nur 33.119 Tonnen Haus- und Sperrmüll. Im Jahr 2015 waren es dann bereits 39.868 Tonnen.

Weitere „Hausmüllhochburgen“ sind: Neumünster (329 kg pro Einwohner), Bamberg (318 kg pro Einwohner), Krefeld (308 kg pro Einwohner), Herne (307 kg pro Einwohner), Oberhausen (306 kg pro Einwohner), Köln (306 kg pro Einwohner), Solingen (303 kg pro Einwohner), Gelsenkirchen (296 kg pro Einwohner) und Hagen (291 kg pro Einwohner). Auffällig: Von den 127 als Hausmüllhochburgen ermittelten Städten kommen allein 34 aus NRW. Mit Abstand folgen Bayern, Niedersachsen und weitere Bundesländer.

Hausmüll-Vermeider

Auch das fällt in der Studie auf: Viel Hausmüll ist nicht unbedingt ein Problem von anonymen Großstädten. Dies zeigt der Blick nach Coburg. Die fränkische SPD-geführte Stadt hat im Städte-Vergleich mit die wenigsten Einwohner, ist aber mit 259 kg Restmüll pro Kopf im Ranking ganz klar im roten Bereich. Grund: Hier kloppen die Bürger im Schnitt 32 % mehr Hausmüll in die Tonnen als im Studien-Durchschnitt.

Nach Erkenntnis der Studienmacher ist der Landkreis Konstanz mit nur 86 kg Haus- bzw. Restmüll pro Kopf und Jahr die „Müllvermeider“-Hauptstadt Deutschlands. Damit liegt die Bodensee-Region 56 % unter dem Städtevergleichs-Schnitt. Das bedeutet, dass die Einwohner – statistisch betrachtet – nur rund 230 Gramm Hausmüll pro Tag produzieren. In Deutschlands Umweltverschmutzungs-Hauptstadt Bremerhaven ist es mit fast einem Kilogramm pro Tag deutlich mehr.

Folgerichtig macht die Hausmüllquote im Kreis Konstanz nur ganze 29 % am gesamten Abfallaufkommen aus. Die Zahlen lassen die Vermutung zu, dass die Bürger am Bodensee grundsätzlich weniger Müll machen, und diesen dann auch noch sehr vorbildlich trennen.

Ebenso gründlich in der Müllvermeidung ist der Landkreis Rastatt. Jeder Einwohner verbuchte dort im Schnitt nur 91 kg Haus- und Sperrmüll. Das liegt 54 % unter dem Durchschnitt der 200 untersuchten Städte. Absolut auf alle Einwohner gerechnet entspricht dies der Menge von jährlich 20.745 Tonnen Restmüll. Im Jahr 2004 waren es noch 21.698 Tonnen.

Ähnlich der Kreis Garmisch-Partenkirchen: Im Werdenfelser Land kommt man nur auf 98 kg Restmüll je Einwohner. Das liegt 50 % unter dem Städtedurchschnitt und bedeutet, dass die Einwohner des Kreises gemeinsam nur 8.545 Tonnen Restmüll produzieren.

Weitere Müllvermeider-Städte in Deutschland sind: Tübingen (Landkreisquote; 99 kg pro Einwohner), Freiburg im Breisgau (108 kg pro Einwohner), Coesfeld (Landkreisquote; 109 kg pro Einwohner), Mittelsachsen (Landkreisquote; 110 kg pro Einwohner), Ostalbkreis und Stendal (beide Landkreisquote; 99 kg pro Einwohner), Minden-Lübbecke (Landkreisquote; 115 kg pro Einwohner), Kreis Lippe (Landkreisquote; 116 kg pro Einwohner), Wetterauskreis und Rems-Murr-Kreis (beide Landkreisquote; 118 kg pro Einwohner), Görlitz (Landkreisquote; 119 kg pro Einwohner), Hof (121 kg pro Einwohner), Esslingen und Rhein-Neckar-Kreis (beide Landkreisquote; 125 kg pro Einwohner),
Vorbildlich sind auch: Gütersloh (Landkreisquote; 128 kg pro Einwohner), Ulm (129 kg pro Einwohner) oder der Werra-Meißner-Kreis (Landkreisquote; 131 kg pro Einwohner).

Auch Hamburger und Berliner produzieren auffällig viel Müll

Betrachtet man nicht nur die Städteebene, sondern auch die Bundesland-Ebene, kommt die Studie zum Ergebnis: Die Stadtstaaten Hamburg (279 kg Müll pro Einwohner) und Berlin (247 kg Müll pro Einwohner) zählen auch im Bundes-Müll-Vergleich der Länder zu den Umweltsündern (Tabellen berücksichtigen).

Ebenfalls wenig rühmlich ist der Stadtstaat Bremen mit 225 kg Restmüll pro Einwohner im Jahr. Aber auch Schleswig-Holstein (230 kg pro Einwohner) und Mecklenburg-Vorpommern (228 kg pro Einwohner) sind im roten Bereich.

In Summe betrachtet befindet sich alles im „grünen Bereich“ in Baden-Württemberg und Sachsen. Im schwäbisch-badischen Ländle kommt man auf durchschnittlich nur 141 kg Restmüll pro Einwohner. In Sachsen auf 148 kg Restmüll pro Einwohner.

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Gesamtmüll-Ranking

Nimmt man alle Haushaltsmüllarten zusammen, die durch die öffentlich-rechtliche Müllentsorgung abgefahren werden, steigen die Werte teilweise beträchtlich an. Dieses Ranking beinhaltet neben dem Haus- und Sperrmüll noch die organischen Abfälle und den Wertstoff-Müll.

Mit sagenhaften 763 kg je Einwohner führt Baden-Baden das Ranking in der Gesamtmüll-Auswertung an, und das, obwohl die Stadt im Hausmüll-Vergleich überaus positiv abschneidet (153 kg pro Einwohner). Beeinflusst wird der massive Sprung durch eine extrem hohe Biomüll-Quote von 383 kg pro Einwohner. Auf dem zweiten Platz liegt der Kreis Friesland mit 749 kg Gesamtmüllaufkommen je Einwohner, gefolgt von der bayerischen Stadt Schweinfurt mit 678 kg Pro-Kopf-Gesamtmüll. 

Ebenso im Ranking der Gesamtmüll-Hochburgen vorn dabei: Schweinfurt, Rosenheim, Hof, Bottrop, Bamberg, Kreis Diepholz, Kreis Unna, Frankenthal (Pfalz), Kempten, Kaufbeuren, Landau (Pfalz), Ansbach, Landkreis Hannover, Wolfsburg, Landkreis Stormarn, Regensburg, Landkreis Enzkreis, Kreis Lüchow-Dannenberg und Aschaffenburg.

Den Studienmachern ist bewusst, dass die Müllmengen der Kommunen u.a. durch die unterschiedlichen Abfallsatzungen und die Abfalllogistik (öffentlich-rechtlich oder privat) beeinflusst werden. Auch kann es sein, dass Kleinbetriebe ihren Firmenabfall über den privaten Weg des Haus- und Sperrmülls entsorgen. Allgemein ist auch zu beachten, dass in Urlaubs- und Tourismusregionen ein Teil der Müllmenge von den Tagesgästen und Urlaubern stammt.

Studiendesign und Müllarten:
1. Zum Haus- und Sperrmüll gehören: Hausmüll und hausmüllähnliche Gewerbeabfälle. Sie werden gemeinsam über die öffentliche Müllabfuhr eingesammelt. Sperrmüll sind haushaltsübliche Gegenstände, die aufgrund von Größe und Gewicht nicht in die Restmülltonnen passen und für welche es keine anderen Entsorgungsmöglichkeiten gibt.
2. Unter einem getrennt erfassten organischen Abfall versteht man: Abfälle aus der Biotonne. Abbaubare Garten- und Parkabfälle, getrennt erfasste organische Abfälle, wie Garten- u. Parkabfälle, einschl. Friedhofsabfälle.
3. Getrennt erfasste Wertstoffe: Zur Verwertung geeignete Abfälle, die getrennt vom Hausmüll (Restmüll) und Sperrmüll in eigens dafür vorgesehenen Sammelbehältern (z. B. gelbe Tonnen/Säcke) eingesammelt oder an entsprechende Sammelstellen (z. B. Wertstoffhöfe) angeliefert werden. Dazu gehören z.B.: Glas, Papier, Pappe, Karton, Metalle, Holz, Kunststoffe und Textilien.

Quellen:
Die Studie beruht auf Recherchen durch das Studien-Team von billiger.de mit Stand 03.04.2017. Alle Angaben sind nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert. Allerdings können wir rechtlich keine Gewähr übernehmen. Die Berechnungen beruhen auf recherchierten Daten in den Kommunen, sowie auf Basis der Daten der Statistischen Landesämter und des Statistischen Bundesamtes. Stand der Daten ist der 31.12.2015 (aktuellere Daten liegen deutschlandweit noch nicht vor). Hinzu kommen Werte aus 2014 und 2004. Die Mengenerfassung erfolgt tonnenweise via Transponder bei Beladung der Entsorgungsfahrzeuge. Die eingesammelte Abfallmenge an Haus- und Sperrmüll berücksichtigt keine Elektroaltgeräte.
Dass die Abfallmenge pro Einwohner in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern im Schnitt etwas höher ausfallen kann als in anderen Bundesländern, kann darauf beruhen, dass Kleinstgewerbebetriebe ihren Firmenabfall über den privaten Weg des Hausmülls entsorgen.
Weichen die Werte der Abfallmenge je Einwohner um 15% vom Mittelwert nach oben oder unten ab, erfolgte die Einordnung in die Kategorien "Hausmüll-Hochburg" oder "Hausmüll-Vermeider".